Laura Heinen

Alter: 28 Beruf: UX-Designer Wohnort: Karlsruhe Geburtsort: Stolberg

Warum hast du diesen Ort für dein Foto ausgewählt?

Ich bin nicht jemand, der als Aktivistin unterwegs ist. Aber ich beschäftige mich viel mit dem Thema, und heute ist es ja so, dass man sehr viel online macht, also Artikel liest, diskutiert oder Informationen sucht. Das macht man über das Handy oder den Laptop und wenn ich zu Hause bin, sitze ich am liebsten auf dem Sofa an meinem Handy oder Laptop und beschäftige mich damit. Dazu gehören auch Interaktionen auf den sozialen Medien, zum Beispiel auf Instagram, wo es die Body-Positivity-Bewegung gibt, was ja auch ein Teil des Feminismus ist. Auf diesen Plattformen gibt es dann bestimmte Hashtags oder bestimmte Künstler, denen man folgt. Und das macht man eben meistens mit dem Handy und setzt sich irgendwo hin, wo es bequem ist.

Was ist Feminismus für dich?

Feminismus ist für mich vorrangig die Gleichberechtigung der Frau, aber das heißt für mich auch, dass alle Menschen gleichberechtigt sein sollen, da gehören auch Homosexuelle oder Transgenderpersonen dazu. Feminismus steht mittlerweile dafür, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben sollen, dazu gehören auch Lebensentscheidungen wie das Aussehen, die sexuelle Orientierung, Hobbies, Interessen, alles eigentlich. Für mich ist das Wichtigste, dass jeder Mensch seine Wünsche und Vorstellungen ausleben darf, natürlich alles sofern es sich im Rahmen der Gesetze bewegt. Dass man seine Vorstellungen, Wünsche realisieren kann und einem nicht von Dritten, vor allem Unbeteiligten, Grenzen gesetzt werden. Und dazu gehört natürlich auch, das muss man traurigerweise auch erwähnen, dass – entgegen des verbreiteten Bildes vom starken Mann als Ernährer – auch dasselbe für Männer gilt, er also auch zuhause bleiben und auf die Kinder aufpassen kann.

Wie äußert sich dein Feminismus?

Mir ist superwichtig, dass man seine Meinung vertritt und Alltagssexismus entgegentritt. Nicht mal in dem Sinne, dass ich andere Leute permanent erziehen muss oder mal einen blöden Witz total schlimm auffasse. Aber ich finde es einfach superwichtig, dass man es im Alltag oder auch auf den sozialen Medien anspricht oder darauf aufmerksam macht, wenn ein doofer sexistischer Spruch kommt. Ein Kollege hat beispielsweise einen doofen Witz gemacht, in dem er Frauenrechtsorganisationen mit Tierschutzorganisationen verglichen hat und Frauen und Tiere auf eine Stufe gestellt hat. Ich habe ihm gesagt, dass das abwertend und scheiße ist. Solche Witze und bestimmte Wörter sind im Sprachgebrauch so üblich, auch in der Art wie „du Pussy“, und das stört mich. Dann gibt es natürlich auch extremere Sachen, denen ich in meinem Alltag zum Glück nicht so häufig begegne, aber die man online miterlebt. Wie jetzt mit Trump, wo es dann Gegenbewegungen gibt, die man dann auch unterstützt. Ich streite mich weniger online mit Leuten, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es nicht so viel bringt. Aber wenn man die positiven Bewegungen unterstützt – wie etwa die Body-Positivity-Bewegung auf Instagram – und auch selber was dazu beiträgt, ein anderes Frauenbild durch eigenes selbstbewusstes Auftreten in den Sozialen Medien verbreitet, das nützt ja auch schon, ohne die Leute direkt anzugehen. Außerdem mache ich Freunde auf das Thema aufmerksam, indem ich zum Beispiel Artikel teile, merke aber, dass es in meinem Umfeld schon ein großes Thema ist. Auch wenn man sich nicht immer in allen Punkten einig ist. Aber mit denen rede ich dann auch darüber und versuche meinen Standpunkt zu erklären. Generell bin ich größtenteils online aktiv. Wenn es eine Demo hier in der Nähe geben würde, würde ich dahin gehen, aber ich würde nicht durch das halbe Land reisen, um irgendwo zu demonstrieren.

Fühlst du dich in deinem Alltag gleichberechtigt?

In meinem Umfeld eigentlich immer. In meinem Berufsleben auch einfach dadurch, dass erstens sehr viele Frauen bei uns arbeiten und ich zweitens eine Chefin habe. Es gibt keine männliche Hierarchie. In meiner Familie auch, meine Eltern hätten mir niemals gesagt, dass ich irgendwas nicht kann, weil ich eine Frau bin oder irgendwas nicht tun sollte, weil ich eine Frau bin. Die haben mich immer mit allem unterstützt. Aber wenn man im Alltag anderen Leuten begegnet, in einem Geschäft oder bei der Bank zum Beispiel, da gibt es manchmal ältere Männer, die einen bevormunden. Die dann auf einen hinabschauen, weil man ein „junges Mädchen“ ist, „die weiß das ja nicht“. Und was ich auch krass finde: Wenn ich vor älteren Leuten, die Kinder haben, sage, dass ich keine Kinder möchte oder zumindest noch nie in meinem Leben den Wunsch dazu verspürt habe, dass ich dann bevormundend gesagt bekomme: „Ach ja, das wirst du dir noch überlegen.“ Während mein Freund, der älter ist als ich, das noch nie erlebt hat, obwohl er ja denselben Standpunkt vertritt. Weil er ein Mann ist, darf er das quasi, und weil ich eine Frau bin, wird mir die Entscheidung abgesprochen. Und mich ärgern diese allgemeinen Aussagen, wie jetzt gerade mit der Sexismus-Debatte, die bei Gina-Lisa Lohfink wiederaufkam. Aussagen wie: „Ja, naja, so wie die aussieht, kein Wunder…“ Und ich bin auch jemand, der auf sein Aussehen achtet und ich fühle mich dann auch angesprochen. Oder wenn man ein Kleid trägt und direkt darauf angesprochen wird, als bräuchte man eine Rechtfertigung dafür. Das sind diese „Kleinigkeiten“, die aber in der Summe wieder dazu führen, dass man sich von bestimmten Leuten schon auf eine andere Position gestellt fühlt, als wenn man jetzt ein Mann wäre.

Wann hast du dich das erste Mal bewusst als Feministin gefühlt oder bezeichnet? Gab es dafür einen Auslöser?

Dass ich diesen bewussten Begriff gewählt habe, da war ich so Anfang 20. Aber wenn ich so zurückdenke, war ich eigentlich schon immer so, dass ich gesagt hab, was die Jungen können, das kann ich auch. So wurde ich erzogen und es war nie irgendeine Debatte. Als Kind konnte ich es nicht haben, wenn man ungleich behandelt wurde, wenn man etwas nicht machen darf oder kann, weil man ein Mädchen ist. Als Jugendliche fand ich es unmöglich, dass meine Oma nach dem Essen aufgeräumt hat und mein Opa sitzen geblieben ist, das gab’s bei mir Zuhause einfach nicht, da haben meine Eltern das immer gleich gemacht. Deswegen gab es für mich auch keinen Auslöser, nach dem ich mich als Feministin bezeichnet habe, sondern das war immer normal für mich, dass ich mich gleichberechtigt sehe und auch sehe, dass es so sein muss. Ich hab‘ im Studium angefangen, mich mehr damit zu beschäftigen. Wenn man aus der behüteten Obhut seiner Eltern heraustritt und mit Anfang 20 viele Sachen alleine regeln muss und dann merkt, dass man dann von den Leuten oft auch anders wahrgenommen wird, als wenn man seinen Eltern gegenübersteht. In den letzten Jahren und auch gerade durch die sozialen Medien ist das ja auch zum sehr präsenten Thema geworden, ich hatte das Gefühl, als ich so jugendlich war, war das noch nicht so präsent. Ich habe das Gefühl, dass die Bewegung nach den 70ern, 80ern etwas zurückgegangen ist, aber dadurch, dass sich jetzt so viele junge Frauen über das Internet vernetzten können, lebt es auf und bietet diese Möglichkeit es von zuhause aus zu machen. Man merkt, dass die Gleichberechtigung zwar auf dem Papier steht, aber im Alltag nicht angekommen ist. Und deswegen glaube ich, dass das ein Thema ist, dass uns noch lange begleitet, und deswegen brauchen wir Leute, die sich dafür einsetzen.

Wie steht deine Familie zum Feminismus?

Meiner Schwester und mir wurde von meiner Familie immer gesagt, dass wir alles schaffen können. Auch von meinen Omas und Opas und meiner Tante und Onkel. Aber mir ist aufgefallen, dass die ältere Generation für die jüngere Generation andere Regeln akzeptiert als für sich selber. Beispielsweise durften meine Eltern von den Eltern von meinem Vater aus noch nicht zusammenziehen, als sie noch nicht verheiratet waren. Und als sie dann standesamtlich geheiratet haben und zusammengezogen sind, war das für meine Großeltern ein Riesenskandal. Und mein Freund und ich, wir leben seit sieben oder acht Jahren zusammen und sind noch lange nicht verheiratet. Da ist es aber für meine Oma irgendwie gar kein Problem. Ich hab’ das Gefühl, dass sich da die Wahrnehmung geändert hat und für uns innerhalb der Familie jetzt andere Regeln gelten als früher, aber für meine Oma selbst gelten immer noch die alten Regeln. Mein Opa hat immer gesagt, an Heiligabend muss man Zuhause sein, so haben meine Oma und mein Opa das dann ihr ganzes Leben lang gemacht. Mein Opa ist jetzt zehn Jahre tot und meine Oma geht trotzdem an Heiligabend noch nirgendwo anders hin, weil mein Opa das gesagt hat. Und ich glaub’, wenn mein Freund mir so etwas vorschreiben würde, würd’ meine Oma dann sagen: Laura, das brauchst du dir doch von dem Jens nicht vorschreiben zu lassen! Aber für sich selber gelten dann die anderen Regeln aus der Zeit, aus der sie kommt. Ansonsten kann ich nicht sagen, dass ich bei mir in der Familie irgendwelche anti-feministischen Tendenzen wahrgenommen hätte.

Wie nimmst du den Ruf des Feminismus in Deutschland wahr?

Auf den Punkt gebracht: eher schlecht. Ich habe immer noch das Gefühl, dass total viele Leute nicht wissen, was das ist. Die denken, dass Feminismus heißt, dass Frauen besser als Männer sind. Und auch viele Frauen meinen „das brauche ich nicht“, weil sie gar nicht merken, wo ihre Rechte teilweise beschränkt sind oder wo sie teilweise einfach stigmatisiert werden – Thema Slut Shaming, Body Shaming und so weiter zum Beispiel. Meiner Meinung nach akzeptieren viele Frauen, dass das auf Frauen bezogen „eben so ist“ und bei Männern „ist das ja was anderes“. Und sie selber gar nicht merken, dass sie selbst damit ihre Rechte einschränken und daher wird es als etwas Negatives wahrgenommen, was ich sehr schade finde und möchte, dass sich das ändert.

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