Denise Likomeno

Alter: 23 Beruf: Studentin (Kommunikationsdesign) Wohnort: Aachen Geburtsort: Salzgitter

Warum hast du diesen Ort für dein Foto ausgewählt?

Ich finde das Café Extrablatt ganz gemütlich. Hier treffe ich mich auch immer mit Freunden, das ist einfach ein schöner, kuscheliger Ort mit einer heimeligen Atmosphäre.

Was ist Feminismus für dich?

Für mich ist Feminismus, dass ich als Frau – und allgemein Frauen – die gleichen Chancen erhalten können wie Männer. Dass die Geschlechter nicht ausgegrenzt werden, sondern jeder die Möglichkeit hat, das zu sein, was er möchte, der zu sein, der er möchte oder die zu sein, die sie möchte und dass da keine Diskriminierung entsteht. Sei es nun im Job, durch das Gehalt oder anders. Das fängt ja schon in Spielzeug-Läden an, dass das Spielzeug gelabelt wird für Jungs und für Mädchen. Ich fand es als Kind doof, dass Mädchenspielzeuge immer rosa waren. Ich hatte lieber Jungsspielzeuge. Und deswegen finde ich es auch wichtig, dass Feminismus beachtet und geachtet wird.

Wie äußert sich dein Feminismus?

Bewusst angefangen hat das mit dem Feminismus bei mir letztes Jahr. Ich habe Emma Watsons Buchclub auf Goodreads entdeckt, „Our Shared Shelf“. Da dachte ich mir: Mal was anderes lesen ist vielleicht auch mal ganz nett, vor allem wenn’s Frauengeschichten sind oder von weiblichen Autorinnen geschrieben wurde. Ich glaube, ich habe im März damit angefangen. Monatlich wird ein Buch vorgeschlagen und ich hab’ dann das Buch bestellt und hab’s gelesen. Ich meine, es war „Argonauts“ von Maggie Nelson. Ich fand das total interessant, was Frauen so zu erzählen haben, was die erlebt haben. In „Argonauts“ ging es dann zum Beispiel um die Beziehung zu ihrem transsexuellen Mann. Es war interessant, verschiedene Seiten zu hören, verschiedene Geschichten. Sowohl tolle Erfahrungen wie auch Leidgeschichten, wie in „The Color Purple“ von Alice Walker. Und manchmal war es auch lustig, wie bei Caitlin Morans „How to be a woman“. Da waren witzige Anekdoten drin und das hat mir sehr gut gefallen.
So habe ich angefangen, einfach mal zu schauen, was es gibt und was meine Freunde im Umkreis denken. Und da hat sich herausgestellt, dass jeder von denen sich eigentlich als Feminist bezeichnen könnte. Es vielleicht nicht immer tut, weil es teilweise noch diese negative Konnotation hat – nach dem Motto „Feminismus = ich hasse Männer“ oder „ich brauch’ keinen Mann“ oder sonstiges. Was aber ja nicht der Fall ist. So bin ich dazu gekommen und probiere jetzt, mich mehr reinzulesen, Sachen zu hören. Ich wollte mich jetzt umschauen, wo es in Aachen oder in Nordrhein-Westfalen Gruppen gibt. Bisher kenne ich nur die Facebook-Seite „Feminismus im Pott“. Ich will mich mehr damit beschäftigen und den Dialog suchen mit Leuten, weil ich es interessant finde, was Menschen so zu sagen haben. Besonders der Austausch, weil viele Leute denken, sie sind schon gleichberechtigt, aber wenn sie dann mal darüber nachdenken, stimmt das nicht. Ich hab auch eigene Geschichten, wo ich merke, ich wurde selber schon diskriminiert aufgrund meines Geschlechts. Im Arbeitsumfeld, innerhalb des Studiums oder auf sonstige Art und Weise, was mir vorher nicht so bewusst war. Aber dadurch, dass ich jetzt mehr Sachen gelesen habe, ist mir das bewusst geworden.
Ich finde es gut, dass in der Gruppe „Feminismus im Pott“ auch Artikel geteilt werden, in denen auch über Männer gesprochen wird. Wie nehmen Männer Sachen wahr? Eine andere Seite ist „He for She“. Die sind auf Facebook sehr aktiv, da versuche ich auch soviel wie ich kann zu lesen. Sei es jetzt über Väter, die ungleich behandelt wurden, oder Mädchen, die gesponsert werden, damit sie in ärmeren Ländern zur Schule gehen können. Das ist schon immer sehr spannend geschrieben, und sehr cool zu lesen und sehr berührend finde ich. Man wird sich immer wieder bewusst, wie privilegiert man selber doch ist.

Wann hast du dich zum ersten Mal bewusst als Feministin gefühlt oder bezeichnet? Gab es einen Auslöser dafür?

Ja, es gab tatsächlich einen Auslöser. Ich war im Herbst 2015 auf einem Auslandssemester in Coventry in England. Während einer Gruppenarbeit, die gar nichts mit dem Thema zu tun hatte, hat mich ein britisches Mädchen gefragt: „Bist du eigentlich Feministin?“ Dann habe ich nachgedacht. Weil ich nicht wusste, beantworte ich das mit „ja“ oder „nein“, also habe ich gesagt: „Gut, ich bin für Gleichberechtigung; bin dafür, dass Frauen nicht diskriminiert werden, bin dafür, dass Männer nicht diskriminiert werden.“ Dann meinte sie: „Ja, dann bist du Feministin.“ Und ab da habe ich dann angefangen, mich auch so zu bezeichnen und das auch so zu empfinden. Ab da hab’ ich das dann auch aktiver wahrgenommen, dass es sehr viele Leute gibt, die sich dafür interessieren und die sich damit beschäftigen. Das war, als würde ich aus einer eigenen kleinen Blase heraustreten.
In England gehen sie ganz anders mit Sexualität um. Während junge Männer sich hier noch ein bisschen scheuen, einfach mal miteinander zu kuscheln, auch wenn nichts Sexuelles dabei ist, haben dort in der Mittagspause auch die Jungs miteinander gekuschelt, die Mädchen auch, einfach um emotionalen Support zu bekommen. Die sind sehr, sehr viel offener. Da hab ich auch die ersten netten Menschen kennengelernt, die sich selbst als „genderfluid“ bezeichnet haben oder als „transgender“. Das ist in Deutschland hier nicht so transparent. Mir kommt es so vor, dass hier in Aachen dieses „ich bin schwul, ich bin lesbisch, ich bin transgender, ich bin genderfluid“ im Alltag entweder nicht gesagt wird oder es nur so eine Randnotiz ist, aber es wird nicht so mit Stolz getragen. Das war gerade in Coventry sehr deutlich. Das war da was Alltägliches und nichts, was man mit Scham sagt. Es war einfach selbstverständlich, wie schönes Wetter oder so. So, wie es halt auch sein sollte.

Wie steht deine Familie zum Feminismus?

Ich weiß nicht, ob sich jemand von meiner näheren Familie, also Mutter, Vater, Bruder, als Feminist bezeichnen würde. Aber in der Praxis sind sie es. Das fängt damit an, dass meine Mutter, als sie selber klein war, mit ihrer Mutter auf Demos gegangen ist, das waren teilweise auch Frauenrechtler-Demonstrationen. Mein Vater hat sehr früh angefangen, mir zu sagen, dass ich nicht in dieses klassische Rollenbild rein muss. Er hat immer zu mir und meiner Mutter gesagt: „Selbst ist die Frau“. Das hieß, wenn ihr ein Problem habt; probiert es selber zu lösen. Ihr kriegt die Werkzeuge dazu, wenn ihr es nicht schafft, dann könnt ihr um Hilfe fragen, aber verlasst euch nicht immer darauf. Sagt nicht; Handwerksarbeiten machen immer Männer, sondern legt erstmal selber Hand an. Er hat mir dann auch für meine Wohnung einen Werkzeugkoffer geschenkt.

Fühlst du dich in deinem Alltag gleichberechtigt?

Das ist ein bisschen schwierig. Die Professoren in der Uni geben sich auf jeden Fall sehr viel Mühe, aber ich bin im Filmbereich tätig und da sind 75 Prozent Männer. Ein paar Semester lang war ich die einzige Frau im Kurs. Man merkt es schon und hört manchmal: „Du machst Film, das ist doch so eine Männerdomäne!“. Letztens habe ich aber gelesen, dass das nicht immer so war. Früher gab es mehrere weibliche Regisseure, die Hollywood dominiert haben. Jetzt ist es halt anders. Ich hab’s auch leider selbst schon erleben müssen. Während eines Filmprojektes in Aachen, da waren wir auf einem Privatgelände in der Nähe von einer alten Kaserne oder Bundeswehr. Wir mussten anmelden, dass wir da drehen, weil wir eine falsche Schusswaffe hatten. Beim Dreh kam ein oberes Mitglied der Bundeswehr, so etwa 60 Jahre alt, gucken was wir so machen. Er hat mich gefragt, was denn meine Aufgabe sei, dann hab ich erklärt, dass ich die Regie führe. Er dachte, ich wäre da, um das Essen zu machen oder sowas. Und dann sagte er: „Bist ja auch ein hübsches Mädel, könntest ja mal Fotos machen für einen Kalender für die Jungs in der Kaserne.“ Ich hatte zusammen mit zwei Jungs gefilmt und wir wussten alle überhaupt nicht, was wir sagen sollten. Wir waren alle so schockiert! Aber wir haben uns auch nicht getraut, was zu sagen, weil er uns vom Gelände hätte schmeißen können. Wir mussten den Mund halten, weil das eine Person war, die über uns stand. Aber wir haben uns alle echt scheiße gefühlt.
Je nachdem, wo man in Aachen unterwegs ist, kommt es häufiger vor, dass man dem Catcalling oder dämlichen Sprüchen ausgesetzt ist. Aber da wo ich wohne, da geht’s eigentlich. Ich habe mir jetzt einfach angewöhnt, einen blöden Spruch zurückzuwerfen. Ich lasse mir das nicht gefallen. Aber es ist jetzt wirklich sehr, sehr selten geworden. So etwas passiert selten, wenn man mit Leuten unterwegs ist. Eher, wenn man alleine irgendwo langgeht.

Wie nimmst du den Ruf des Feminismus in Deutschland wahr?

Ich glaube, hier in Deutschland ist es immer noch etwas, worüber Leute nicht sehr häufig und offen sprechen. Ich glaube, für viele wirkt es immer noch ein bisschen altbacken. Viele sind der Ansicht, Frauen dürfen doch wählen, sie sind doch jetzt gleichberechtigt, und sehen nicht, dass es nicht mit dem Wahlrecht aufhört, sondern dass das erst ein Anfang war. Deswegen beschäftigen sich auch jüngere Leuten nicht so damit, denke ich, weil sie sich vielleicht auch nicht verantwortlich fühlen und vielleicht auch sagen: „Wir leben doch nicht mehr in den 20ern, als Frauen für ihr Wahlrecht kämpfen mussten.“ Oder sie können es nicht nachvollziehen, dass es für Frauen eine Befreiung war, als die Antibabypille herauskam, weil es schon so lange her ist. Aus der Sicht von jüngeren Leuten, historisch gesehen ist das natürlich alles erst so ein Katzensprung. Aber ich glaube, dass sich das auch verändert. Gerade wenn es mehr junge Leute gibt wie zum Beispiel Emma Watson, die eine hohe Reichweite haben und sich für Feminismus und für Frauen- und Männerrechte engagieren. Dann fällt dieses Altbackene vielleicht ab, die merken, dass es doch noch relevant ist und nicht nur was für unsere Mütter und Omas. Und jetzt gerade auch mit dem Women’s March in Amerika, da sind ja auch viele junge Frauen mitgegangen. Das hat ja auch viele Leute in Deutschland beeindruckt und auch in Düsseldorf war ein March. Ich hoffe, dass das weiter an Transparenz gewinnt, dass die Leute darauf aufmerksam werden und sich aktiv damit identifizieren. Der Feminismus ist nichts, was einfach so aufhört, sondern immer ein Prozess, für den man immer kämpfen muss. Man hat jetzt in Amerika gesehen, dass Rechte, die man hat, einem genauso schnell wieder weggenommen oder eingeschränkt werden können. Nur weil man einmal dafür gekämpft hat, heißt das nicht, dass man’s für immer hat. Das wäre sehr naiv zu glauben.

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