Flavia Gordon

Alter: 23 Beruf: Studentin (Sprachwissenschaft) Wohnort: Düsseldorf Geburtsort: Neapel (Italien)

Warum hast du diesen Ort für dein Foto ausgewählt?

In Düsseldorf treffe ich mich oft mit queeren Gruppen. Einige dieser Treffen fanden hier im Volksgarten statt. Dadurch habe ich viele nette Leute kennengelernt und viele interessante Gespräche geführt. Hier fühle ich mich wohl und ich verbinde diesen Ort mit guten Erinnerungen.

Was ist Feminismus für dich?

Feminismus ist Freiheit. Feministin zu sein bedeutet für mich, frei zu sein, ohne mich an die Rollenmodelle des Patriarchats anzupassen. In einer Gesellschaft, wo das Patriarchat herrscht, ist es als Frau wichtig, nicht zu schweigen. Feminismus ist für mich ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit und der Bau von einer neuen Gesellschaft, in der jeder frei sein kann. Ich stelle mir eine Gesellschaft ohne Sexismus vor. Seitdem ich Feministin bin, fühle ich mich besser und ich lebe offener und bewusster. Feminismus ist für mich aber auch ein Prozess. Er ist kein Etikett. Selbst als Feminist*in muss man verstehen, dass wir alle vom Patriarchat beeinflusst sind und deshalb sollten wir uns immer verbessern und unsere Handlungen kritisch betrachten. Ich bezeichne mich als Radikalfeministin, weil ich die Wurzeln der heutigen Gesellschaft verändern möchte und ich mir eine Welt ohne Patriarchat vorstelle. Ich denke, dass Radikalfeminismus nichts mit Hass zu tun hat und wer sich so beschreibt und zum Beispiel Transfrauen von der Frauenbewegung ausschließt, der hat gar nichts vom Feminismus verstanden.

Wie äußert sich dein Feminismus?

Ich versuche, in meinem Leben eine Aktivistin zu sein. In Italien und in Großbritannien, wo ich früher gewohnt habe, habe ich zum Beispiel an Aktionen und Demos teilgenommen. Ich habe selber einen bilingualen Blog (IT/EN), auf dem ich die wichtigsten Themen des Feminismus in Italien darstelle, und die Themen, die mich persönlich berührt haben. Ich bin auch eine Schriftstellerin und arbeite gerade an einem Roman, der die Liebe und die Erotik zwischen zwei jungen Frauen zeigt. Das Thema „Sex und Sexualität“ von Frauen ist besonders wichtig für mich. Deshalb bin ich auch im LGBT+ Gruppen aktiv. In der Zukunft möchte ich mich auch mehr mit dem Thema „Transsexualität“ auseinandersetzen und etwas Aktives für die Rechte der Menschen mit transsexuellem Hintergrund tun.

Wann hast du dich zum ersten Mal bewusst als Feministin gefühlt? Gab es einen Auslöser?

Das erste Mal, dass ich das Wort gehört habe, war, als ich im Gymnasium war. Mein Philosophie-Professor hat das erste Mal das Wort „Feminist“ ausgesprochen. Ich wusste damals aber nicht, was damit gemeint war. Ich habe mich erst als „Feministin“ bezeichnet, als mir klar war, was es bedeutet. 2013 habe ich ein Buch von der berühmtesten Feministin Italiens der 70er Jahre gelesen, nämlich „Sputiamo su Hegel“ („Wir spucken auf Hegel“). Sie und ihre Gruppe Rivolta Femminile lehnten jede Manifestation der patriarchalen Kultur ab und kritisierten deshalb die Denker der Vergangenheit und der Gegenwart, welche die Inferiorität der Frauen thematisiert haben. Was mich persönlich sehr beeindruckt hat, ist der Teil des Buches über die klitoridische und die vaginale Frau und die Idee einer Sexualität, die vom Patriarchat befreit wird.
Seitdem habe ich begonnen, an feministischen und LGBT+ Gruppen teilzunehmen und diese Erfahrung hat mich bereichert.

Wie steht deine Familie zum Feminismus?

Sie haben nicht so viele Kenntnisse darüber. Meine Geschwister scheinen beide sehr offen gegenüber dem Thema zu sein. Mit meinen Eltern ist es etwas komplizierter. Seitdem ich einen Blog betreibe, nehmen sie mich ernster. Sie haben angefangen zu verstehen, wie wichtig es ist, diese Welt zu verändern, damit es besser für sowohl Männer als auch Frauen sein kann.

Fühlst du dich in deinem Alltag gleichberechtigt?

Leider nicht. Als bisexuelle Frau, die sich ihre Zukunft mit einer Frau vorstellt, erfülle ich die Erwartungen der heteronormativen Gesellschaft nicht. Selbst in der LGBT-Community wurde ich manchmal diskriminiert. Zum Beispiel hat eine meiner Ex-Freundinnen mich „Hure“ genannt, als ich ihr erzählt habe, dass ich beinahe von einem Mann vergewaltigt worden bin.
Als ich 7 war, wurde ich mehrmals von einer Frau vergewaltigt. Leider haben einige Menschen meine Geschichte nicht geglaubt und sie haben gesagt, ich sei eine Lügnerin, weil es nicht sein könnte, dass eine Frau eine andere Frau vergewaltigt. In anderen Fällen wurde ich in meinem Leben als „starke Frau“ bezeichnet, nur weil ich schon als Teenager die Gesellschaft stark kritisiert habe. Das ist nur ein Teil der Diskriminierung, die ich als Frau erlebt habe. Ich könnte noch weitere Beispiele nennen. Ich glaube, dass die heutige Gesellschaft noch kein guter Platz für Frauen ist. Und auch nicht für Männer, die sich nicht an das patriarchale Modell der Männlichkeit anpassen.

Wie nimmst du den Ruf des Feminismus in Deutschland wahr?

Im Vergleich zu Italien spricht man in Deutschland mehr über Feminismus. Ich denke, es gibt auch mehr Aufmerksamkeit auf Frauen mit transsexuellem Hintergrund, was ich sehr schön finde. Mir ist bekannt, dass Deutschland kein Wunderland ist, aber sicherlich ist die Situation besser als in Italien. In meinem Land gibt es leider mehr Diskriminierung, vor allem gegenüber Flüchtlingen, LGBT+ Menschen und Frauen. Feminist*innen werden oft nicht wahrgenommen. Ich möchte in Bezug auf die Situation in Italien zwei Beispiele erwähnen. Das erste Problem ist, dass es in Italien eine hohe Anzahl von Ärzten und Ärztinnen gibt, die aus Gewissensgründen keine Abtreibung vornehmen (conscientious objectors). Im Süden und im Norden sind es unglaublich viele Ärzte, die sich dafür entscheiden (http://www.repubblica.it/cronaca/2016/10/20/news/medici_obiettori_ecco_i_dati_regione_per_regione-150182589/). Zum Beispiel beträgt die Anzahl der Ärzte in meiner Region, Kampanien, 81,8%; in Bozen sogar noch mehr, 92,9%.
Ein anderes großes Problem ist die sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen, die von der italienischen Gesellschaft nicht Ernst genommen werden. Der aktuelle Skandal von Weinstein zeigt, wie rückständig mein Land noch ist. Asia Argento wurde nicht geglaubt, sondern es gab ein massives victim blaming gegen sie. Auch Libero, eine italienische rechtsorientierte Zeitung hat sich gegen die Schauspielerin positioniert (http://www.liberoquotidiano.it/news/opinioni/13264032/harvey-weinstein-renato-farina-scandalo-sessuale-hollywood.html, „they have sex, then they pretend to regret it“). Vergewaltigung erregt nur Ärgernis, wenn der Vergewaltiger ein Ausländer ist. Wenn er Italiener ist, ist es plötzlich die Schuld der Frau.
Die Situation ist auch schlecht für die LGBT Community. Erst seit 2016 gibt es ein Gesetz für eingetragene Partnerschaften (ohne Adoption). Das ist eine Schande, wenn wir daran denken, wie viele Menschen auf der Straße beim Christopher Street Day sind. Ich kann nur sagen, dass Italien kein Land für Frauen, noch weniger für Feminist*innen ist. Leider gibt es zu viel Traditionalismus, aber langsam verändert sich die Gesellschaft auch.

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