Judith Gey

Alter: 20 Beruf: Studentin (Pädagogik der Kindheit) Wohnort: Bielefeld Geburtsort: Aachen

Foto: Judith Gey

Was ist Feminismus für dich?

Ich finde, Feminismus ist ein Begriff, der schwer zu greifen ist. Er kann alles oder nichts bedeuten. Feminismus wirft alles in einen Topf, was deutlich vielschichtiger ist und auch so benannt werden sollte. Für mich persönlich bedeutet es, das ich für mich und andere Frauen einstehe. Vor allem für unsere Rechte. Es bedeutet für mich, dass ich stolz darauf bin, eine Frau zu sein und es ungerecht und zum Schreien finde, dass ich nur aus diesem Grund schlechter oder abwertender behandelt werde. Emanzipation, aber auch Gleichberechtigung und vor allem Freiheit – zu sagen, zu tragen und zu tun, was ich möchte – sind für mich ein wichtiger Bestandteil.

Wie äußert sich dein Feminismus?

Ich rede mit Menschen – vor allem Männern – und trete mit ihnen in Diskussion. Mir ist wichtig, dass ein „Alltagssexismus“ nicht einfach so passiert und nicht drüber gesprochen wird. Frauen sind körperlich – leider – oft schwächer als Männer und das wird nicht nur in sehr krassen und bedrohlichen Situationen ausgenutzt. Ich bin schon oft beim Feiern so angesprochen und vor allem auch angefasst worden, dass es mir unangenehm war, aber sobald ich dann etwas gesagt habe, wurde mir nur ein „warum bist du denn so zickig“ oder „stell dich doch nicht so an“ entgegengeworfen. Aber ich bestehe darauf, dass ich mich anstellen muss. Das ist mein Recht und meine Pflicht als Frau. Mein Feminismus äußert sich also vor allem darin, dass ich mich offensiv gegen Diskriminierung und Sexismus wehre und versuche, dieses Tabuthema so offen wie möglich anzusprechen.

Wann hast du dich zum ersten Mal bewusst als Feministin gefühlt? Gab es einen Auslöser?

Meine Mutter ist überzeugte Feministin und vielleicht habe ich das schon mit der Muttermilch aufgesogen. Einen genauen Zeitpunkt gab es auch nicht, irgendwann war ich es nur Leid. Ich war es Leid, dass Männer denken, das Recht zu haben, mich anzufassen, bevor ich sie auch nur wahrgenommen habe. Ich war es Leid, dass mir Menschen – vor allem Männer – erzählen, dass eine Frauenquote schwachsinnig ist. Ich war es auch Leid, dass jungen Frauen und Mädchen ein unrealistisches Bild vermittelt wird, wie sie sein und aussehen sollen. Ich war es Leid, dass Frauen erzählt wird, sie seien an ihrer eigenen Vergewaltigung schuld. Ich war so vieles so Leid. Und das war der Moment, in dem ich angefangen habe, darüber zu reden und mit anderen Menschen zu diskutieren. Ich kann vielleicht die Probleme nicht lösen, aber ich kann immerhin anderen Menschen zeigen, dass es Probleme gibt.

Wie steht deine Familie zum Feminismus?

Meine Mutter ist selbst überzeugte Feministin, musste aber noch für deutlich mehr kämpfen, als ich es muss. Deswegen ist sie vielleicht – auch was ein paar Dinge angeht – aggressiver und radikaler. Ich weiß nicht, ob mein Vater sich Feminist nennen würde, aber trotzdem sieht er die Probleme und hat oft eine ähnliche Einstellung wie meine Mutter oder ich. Meine Schwester ist ähnlich eingestellt wie ich – eben auch die Tochter unserer Mutter. Und mein Bruder ist ein netter Kerl, der diese Situationen nicht kennt und deswegen vielleicht nicht genug darüber nachdenkt. Er würde selbst nie auf die Idee kommen, solche Dinge zu tun, die einer Frau tagtäglich widerfahren. Dadurch sieht er aber auch die Probleme nicht.

Fühlst du dich in deinem Alltag gleichberechtigt?

Generell würde ich sagen, dass ich eine eigenständige Frau bin, die ihr Leben gut auf die Reihe bekommt. Ich studiere an einer FH, die viel Wert auf „gendern“ und Gleichberechtigung legt und bin in einem Job, der von Frauen dominiert wird. Wir werden alle ziemlich schlecht bezahlt, auch die Männer (das ist aber ein anderes Thema). Ich denke aber nicht, dass ich mich in der Öffentlichkeit gleichberechtigt fühle. Es gibt immer noch so viele Männer, die mir nicht glauben wollen, dass Frauen einem „Alltagssexismus“ ausgesetzt sind, den sie sich nicht vorstellen können. Ich muss immer noch diskutieren und erklären. Wir brauchen ein Gesetz, damit es reicht, dass eine Frau sich verbal wehrt, um von Vergewaltigung zu sprechen („Nein heißt nein“). Ich finde, eine Gesellschaft, die so ein Gesetz braucht, ist sehr weit weg von Gleichberechtigung.

Wie nimmst du den Ruf des Feminismus in Deutschland wahr?

Ich finde, dass Feminismus einen sehr schlechten Ruf hat. Man wird als „Emanze“abgestempelt und viele Leute denken, dass Frau sich nicht die Achseln rasieren und nicht schick anziehen kann. Eine Feministin darf ja anscheinend keine Röcke und hohen Schuhe tragen. Männer können ja angeblich keine Feministen sein. Bei dem Wort wird so viel Unterschiedliches in einen Topf geworfen und vermischt, sodass am Ende irgendein sehr negativer, abgewerteter Mischmasch raus kommt, den viele als störend befinden. Das finde ich falsch. Und deswegen rede und diskutiere ich immer weiter.

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