Wienke Treblin

Alter: 43 Beruf: Freie Illustratorin und Autorin Wohnort: Krefeld Geburtsort: Rotenburg (Wümme)

Warum hast du diesen Ort für dein Foto ausgewählt?

Ich denke, weil Musik schon immer eine wichtige Rolle für mich gespielt hat. Du lebst als Mädchen und Frau in einer patriarchalischen Welt. Bei uns zuhause war das nicht so ausgeprägt wie in der Gesellschaft. Meine Mutter hat auch gearbeitet und sie war eher der dominantere Teil meiner Eltern. Mir wurde von zuhause aus nicht vermittelt, dass ich durch das Mädchensein irgendwelche „Einschränkungen“ im Leben hätte. In der Grundschulzeit hatte ich sehr viele Jungsfreunde und ich war auch nie so ein typisches „rosa Pferde-Mädchen“. Aber in der Pubertät hatte ich dann plötzlich riesige Selbstzweifel, war auf der Suche nach Identität und fand mich überhaupt nicht in der Rolle als Mädchen bzw. werdende Frau zurecht.
Und Musik war immer dabei. Diese wilde, eigenwillige Indie-, Hardcore- und auch Punkmusik hat mich sehr angesprochen. Frauen, die Musik machen, total aus sich herausgehen, schreien – die fand ich super! Ich hab mir die Haare abgeschnitten und schwarz gefärbt, habe angefangen E-Gitarre zu spielen. Gleichzeitig war ich aber auch ein totaler Schisser. Ich wusste nicht wohin mit mir als Frau, Mädchen, wollte bestimmten Leuten, Jungs gefallen, aber auch revoltieren. Einmal war ich mit einer Gruppe Punks unterwegs auf einem Festival, und das fühlte sich zuerst total frei und gut an, bis ich bemerkte, dass auch in dieser Gruppe sehr ausgeprägte Männerstrukturen herrschten. Das war ziemlich ernüchternd.

Was ist Feminismus für dich?

Ursprünglich ist die Bedeutung, dass vom Blick der Frau ausgehend eine Gleichberechtigung in allen Bereichen stattfindet, weil wir patriarchalisch geprägt sind. Das ist ja auch immer noch der Fall, auch wenn sich natürlich viel getan hat. Aber der Feminismus, die Inhalte, haben sich mit der Zeit verändert. Es bedeutet Selbstbestimmung und Freiheit für alle, nicht nur für Frauen. Feministinnen sind keine Männerhasser, es gibt auch genug Männer, die sich Feministen nennen. Es geht darum, dass jeder so sein kann, wie er möchte, und sein Leben so gestalten kann, wie er will. Ob jetzt sexuell gesehen oder wie auch immer. Und dass keiner Nachteile durch sein Geschlecht oder sein Gender hat, sondern einfach so sein kann, wie er möchte und die gleichen Möglichkeiten und Chancen hat.

Wie äußert sich dein Feminismus?

Ich versuche, allen Menschen offen zu begegnen und keinen vorzuverurteilen durch etwas Äußeres. Durch die Schwangerschaft und durch das Kinderkriegen wird dir das alles noch mal bewusster. Schon wenn du Babykleidung kaufst und vor rosa und hellblauen Sachen stehst. Du wirst so oft mit Klischees konfrontiert, das geht in der Schwangerschaft schon los, wenn es nur die Frage nach dem Geschlecht gibt. Ich versuche meiner Tochter eine Vielfalt zu vermitteln, Vielfalt beim Spielzeug, und auch in anderen Lebensbereichen. Sie hatte auch eine Zeit lang diese Rosa-Glitzer-Phase, aber das ist mittlerweile vorbei. Ich denke, es bringt nichts, das zu verbieten. Man sollte schauen, dass auch andere Möglichkeiten gegeben sind. Aber solche Dinge siehst du meist erst, wenn du Elternteil wirst. Erstaunlicherweise gibt es plötzlich Lego und Playmobil speziell für Mädchen, in rosa Edition! Das ist echt ein Rückschritt. Wird aber gekauft. Darüber rege ich mich mit Müttern und Nicht-Müttern auf.
Ich merke aber auch, dass der Begriff Feminismus behaftet ist. Bei dem Wort denken immer noch sehr viele ausschließlich an Alice Schwarzer, an Emma und an ein negatives Bild vom Mann. Der Begriff hat schon so viel durchgemacht. Aber wenn man dann fragt, bist du für die Gleichstellung der Frau, bist du für Chancengleichheit, da würden ganz viele sagen: Ja.

Wie steht deine Familie zum Feminismus?

Ich vermute, dass keiner von sich aus sagen würde: Ich bin ein Feminist oder eine Feministin, weil das einfach nicht thematisiert wurde oder wird. Aber wenn du konkret nach Themen wie „Gleichberechtigung“ oder „Chancengleichheit“ fragen würdest, dann würden sicher alle meine Familienmitglieder sagen: Ja, das unterstützen wir. Meine Eltern sind beruflich stark sozial engagiert und haben immer vermittelt, dass denen geholfen werden muss, die nicht so privilegiert sind wie bspw. der Mittelstand. Die Frauen meiner Familie sind starke Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Meiner Tochter versuche ich alle Möglichkeiten offen zu halten. Und wenn sie manchmal mit Klischees nach Hause kommt, werde ich richtig sauer. „Mama, Mädchen können das nicht“ oder „Guck mal, der Mann hat einen pinken Pulli an, das ist doch ein Mann!“ Ich rede dann mit ihr drüber und zeige ihr Beispiele, die diese Klischees aufheben.

Fühlst du dich in deinem Alltag gleichberechtigt? 

In der Uni zu 80 Prozent ja. Da hatte ich nur manchmal den Eindruck, dass das Konkurrenzdenken unter Frauen extrem ausgeprägt ist, was ich nicht verstehe. Und ich habe in Gesprächen mit anderen Frauen schon oft festgestellt, dass viele eine offensichtlich kritischere Haltung dem eigenen Geschlecht gegenüber haben, oder mit Frauen zu tun hatten, die so eine Einstellung vermitteln, bei der man denkt: Warum setzt du voraus, dass Frauen mehr leisten, nur weil du als Frau mehr leisten musstest? Oder bestrafst du jetzt andere, weil du selbst so sehr kämpfen musstest? Es sollte doch eher andersherum sein, vor allem auch in den Frauennetzwerken. Da sollte auch wirklich gefördert werden, und das gerade weil die Erfahrungen vorhanden sind.
Als alleinerziehende Mutter fühle ich mich im Berufsleben überhaupt nicht gleichberechtigt. Es existiert keine Chancengleichheit. Viele Stellenangebote kommen von vornherein nicht in Frage, wenn du nicht flexibel in der Arbeitszeit bist, oder nicht Vollzeit arbeiten kannst. Und Karriere machen ist noch schwieriger.
Und natürlich ist es nach wie vor so, dass in den meisten Berufen die Frauen weniger verdienen als die Männer – und das geht gar nicht!

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