Jessica

Alter: 34 Beruf: Fallmanagerin Wohnort: Köln Geburtsort: Mayen

Warum hast du diesen Ort für dein Foto ausgewählt?

Dieses Graffiti am Bahnhof Ehrenfeld erinnert mich an ein Skater-Mädchen. Sie wird nicht sexy, sondern cool und tiefgründig dargestellt, das gefällt mir. Es passt zum Stadtteil Ehrenfeld; hier sind die Leute aufgeschlossener und interessieren sich auch mehr für Themen wie etwa Nachhaltigkeit. Ich komme oft hierher.

Was ist Feminismus für dich?

Das Ziel des Feminismus ist für mich die tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen. Dies bezieht sich nicht nur auf die Chancen im Job sondern vor allem auf eine offene Rollendefinition der Geschlechter, oder noch besser: gar keine Rollendefinition der Geschlechter. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, sich zu entfalten wie er möchte, ohne davon von der Gesellschaft sanktioniert zu werden.

Wie äußert sich dein Feminismus?

Ich spreche vor allem offen und direkt über das Thema und bezeichne mich auch selbst offensiv als Feministin. Ich spreche im Freundeskreis über Themen wie Gewalt gegen Frauen genauso offen wie über das Thema Mutter sein um diesem „Ich bin Mutter und dadurch erfüllt und glücklich und ich brauche sonst nichts“-Mythos etwas entgegen zu setzen. Ich mache sehr viel alleine, gehe gerne alleine wandern, auf Konzerte usw. Und merke, dass es für viele immer noch etwas Besonderes ist, dies als Frau zu tun. Ich bin mir immer bewusst wie ich sozialisiert wurde und achte viel bewusster auf Körperhaltung, Stimme und Verhaltensweisen. Ich habe mal in einem Karriereratgeber für Frauen gelesen: „Fassen Sie keine Kaffeekanne an“. Und das, im übertragen Sinne, wende ich in allen Lebensbereichen an. Das ist natürlich aufgrund der lebenslangen Sozialisation von „fall nicht auf, halt dich zurück, sprech’ leise, kümmer’ dich um andere…“ nicht immer einfach. Ich engagiere mich beruflich als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte und möchte etwas bewegen. Ich habe eine 4-jährige Tochter und achte darauf, dass sie sich ihrer Stärken bewusst ist, bestärke sie in ihrer Selbstständigkeit und möchte ihr vermitteln: „Mädchen können alles!“ Ich möchte dass sie sich durchsetzen kann und nicht in ihren Möglichkeiten eingeschränkt wird.

Wann hast du dich zum ersten Mal bewusst als Feministin gefühlt? Gab es einen Auslöser?

Ich habe schon als Jugendliche gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Meine Familie verlangte viel mehr von mir als von meinen Brüdern. Jungs konnten mit vielen Mädchen rummachen und waren tolle Hechte, Mädchen waren dann die Schlampen. Frauen waren oft nur „die Freundin von“, hatten nichts zu sagen und wurden generell nicht ernst genommen. Frauen ohne Partner waren irgendwie nicht komplett und „finden bestimmt noch den Richtigen“. Ganz bewusst als Feministin habe ich mich gefühlt, als ich mich vor einigen Jahren mit dem Thema ‚Gewalt gegen Frauen und Feminismus’ auseinander gesetzt habe. Auch die Kontakte mit anderen Müttern haben mir gezeigt, dass es mit der Gleichberechtigung nicht weit her ist. Viele von diesen Frauen haben trotz Studium und guten Jobs ihre Identität und Eigenständigkeit mit der Geburt des Kindes an den Nagel gehängt, geteilte Aufgaben in Elternschaft und Partnerschaft waren kein Thema. Einige haben ihre Jobs verloren, weil sie nicht mehr Vollzeit arbeiten konnten, da wird die existentielle Benachteiligung sehr deutlich. Das hat mich schon sehr schockiert, da muss sich einiges ändern, im Selbstverständnis der Frauen und in der Gesetzgebung. Frauen kümmern sich immer noch mehr um andere als um sich selbst.

Wie steht deine Familie zum Feminismus?

Meine Mutter hat eine Selbstständigkeit aufgebaut, deshalb dachte ich lange, sie würde gleichberechtigt denken. Als sie dann jedoch sagte „dein Bruder muss die Wäsche nicht waschen, er ist ein Junge“, wurde mir klar, dass es nicht so ist, und dass sie sehr unterschiedliche Maßstäbe ansetzt. Mein Vater ließ gerne sexistische Witze fallen. Meine Mutter schmeißt den Haushalt und organisiert alles. Von daher denke ich, dass meine Familie nicht weiß, worum es geht und dafür auch nicht empfänglich ist.

Fühlst du dich in deinem Alltag gleichberechtigt, also in deinem Privatleben, im Beruf, in der Öffentlichkeit…?

Nein, nein und nein!!! Energieraubende Diskussionen über eine faire Teilung der Familienarbeit im Privatleben oder aufgrund des Geschlechtes und einer Teilzeitstelle fachliche Kompetenzen im Beruf abgesprochen zu bekommen… Ich finde es traurig, in der Öffentlichkeit vor riesigen Bordellplakaten zu stehen, auf denen prangt :„100 Girls, 24 Stunden verfügbar“, an jeder Ecke Werbung zu sehen mit dem Tenor „Frau=Sex=Dumm=Verfügbar für den Mann“. In der Bar von Fremden angefasst zu werden und für dieses „Kompliment“ dankbar sein zu sollen. Mich neben breitbeinige Männer in der Bahn setzen zu müssen… Ich finde aber positiv, dass immer mehr Frauen Projekte starten, Selbstständigkeiten aufbauen und andere Frauen somit bestärken. Ich sehe immer mehr Männer mit Babytragen und fühle mich in meinem Stadtteil Ehrenfeld somit grundsätzlich sehr wohl.

Wie nimmst du den Ruf des Feminismus in Deutschland wahr?

Als sehr schlecht mit einer Tendenz zum Positiven. Ich finde es schön, dass sich mittlerweile auch prominente Frauen als Feministinnen bezeichnen und somit einen „Imagewandel“ begünstigen. Es gibt aktuell einfach zu wenige Vorbilder. Und genau deshalb finde ich das Projekt „Faces of Feminism“ so gut, weil es dem Feminismus Gesichter geben kann.

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